 von Sabine Blaeser
"Im Inneren der Maschine wurde es rasch ziemlich warm. […] Arme, Beine und Kopf waren fixiert, so dass ich mich praktisch nicht rühren konnte. Ein Beißschutz im Mund verhinderte jede Kieferbewegung. […] Festgeschnallt, wie ich war, konnte ich mir nicht die Schweißperlen abwischen, die mir langsam das Gesicht hinunter rannen." So beschreibt der Mönch Yongey Mingyur Rinpoche in dem Buch "Heitere Weisheit" seine erste Erfahrung in einem "Gehirn-Scanner". Obwohl sich dieses Erlebnis wohl alles andere als heiter angefühlt haben mag, erklärte er sich gemeinsam mit 14 weiteren buddhistischen Mönchen dazu bereit, an einer neurowissenschaftlichen Studie teilzunehmen, deren Ziel darin bestand, die Auswirkungen langfristiger Meditationspraxis auf das Gehirn zu untersuchen. Da es sich bei dem Gerät, in dem die Mönche zu diesem Zweck meditieren sollten, um einen so genannten funktionellen Magnetresonanztomographen handelte, konnten die Forscher (Lutz, Brefczynski-Lewis, Johnstone & Davidson, 2008) die Veränderungen der Gehirnaktivität dabei im Computer quasi live mitverfolgen. Sie stellten fest: Obwohl den Mönchen während der Meditation unangenehme Geräusche und Videos präsentiert wurden, spiegelte sich in ihren Gehirnen weder Gereiztheit noch Ärger wider. Stattdessen verstärkte sich die Aktivität in den Gehirnbereichen, die mit mütterlicher Liebe, Einfühlungsvermögen und anderen positiven Geisteszuständen zusammenhängen. Yongey Mingyur Rinpoche: "Das Unerfreuliche löste einen Zustand von tiefer Ruhe, Klarheit und Mitgefühl aus. Dieses Ergebnis fasst im Kern einen der Hauptvorteile buddhistischer Meditationspraxis zusammen: Die Chance, schwierige Umstände – und die sie im Allgemeinen begleitenden störenden Emotionen zu nutzen, um die Kraft und das Potenzial des menschlichen Geistes freizusetzen."Es ist genau dieses mit der Meditationspraxis verbundene Potenzial, das seit einigen Jahren mehr und mehr das Interesse der Neurowissenschaftler weckt. Untersucht wurde in dem Zusammenhang nicht nur, was während der Meditation im Gehirn passiert, sondern auch, ob und wie sich das Gehirn durch die Meditationspraxis langfristig verändert.Einige der zentralen Ergebnisse aus diesem Forschungsbereich auf einen Blick:
- Erhalten Personen mit Meditationserfahrung schmerzhafte Reize während sie im Magnetresonanztomographen liegen, zeigt sich im Vergleich zu Nicht-Meditierenden im Gehirn-Scan ein Aktivitätsmuster, das sich von allen anderen bisher bekannten Mustern unterscheidet, die normalerweise mit Schmerzbewältigungsstrategien im Gehirn einhergehen; normalerweise werden jene Bereiche im Gehirn aktiv, die dafür zuständig sind, den Schmerz gedanklich zu kontrollieren; bei den Meditierenden nahm die Aktivität in eben diesem Bereich jedoch ab und stattdessen in dem Bereich zu, der mit der bloßen körperlichen Wahrnehmung verbunden ist; dadurch gaben die Meditierenden zwar die gleiche Schmerzintensität an wie die Nicht-Meditierenden, hatten allerdings deutlich weniger Angst vor dem Schmerz und empfanden ihn als weniger unangenehm – sie konnten ihn gedanklich quasi besser loslassen (Gard, Hölzel, Sack, Hempel, Lazar, Vaitl & Ott, 2011)
- Lazar und Kollegen (2005) stellten in einer Studie fest, dass Langzeitmeditationspraxis nicht nur zu einer Veränderung der Gehirnaktivität, sondern auch zu einer Veränderung der Gehirnstruktur führt; bei 20 Teilnehmern mit langjähriger Meditationserfahrung zeigte sich, dass die Bereiche, die für Aufmerksamkeit, Körperwahrnehmung und die Verarbeitung von Sinnesreizen zuständig sind, größer waren als bei Nicht-Meditierenden; es zeigte sich außerdem, dass langjährige Meditationspraxis offensichtlich darüber hinaus dem altersbedingten Abbau von Hirnsubstanz in diesen Bereichen entgegenwirkt.
- Laut einer Studie von Vestergaard-Poulsen und Kollegen (2009) kommt es durch langjährige Meditationserfahrungen im Hirnstamm zu einer Zunahme der Konzentration von Nervenzellen; diese Veränderung geht mit einer positiven Wirkung auf Atmung, Herz-Kreislauf-System und Widerstandsfähigkeit gegen Stress einher.
- Luders, Toga, Lepore und Gaser (2009) stellten fest, dass langjährige Meditationspraxis außerdem zu einer Vergrößerung der Hirnbereiche führt, die für Emotionsregulation zuständig sind
- es muss jedoch nicht immer langjährige Meditationspraxis sein; Hölzel und Kollegen (2010, 2011) fanden heraus, dass bereits ein 8-wöchiger MBSR-Kurs zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führt – genauer gesagt zu einer vermehrten Konzentration von Nervenzellen in Hirnregionen, die für Lernen und Gedächtnisprozesse, Emotionsregulation, Stressverarbeitung, Perspektivenübernahme und die Verarbeitung selbstbezogener Informationen wichtig sind; Hölzel, Lazar, Gard, Schuman-Olivier, Vago & Ott (2011) gehen davon aus, dass diese strukturellen Veränderungen außerdem mit einem durch die Meditationspraxis verbesserten Mitgefühl mit sich selbst (self-compassion) zusammenhängen
- Jha, Krompinger und Baime (2007) fanden heraus, dass ein achtwöchiger MBSR-Kurs zu einer Verbesserung der Aufmerksamkeitsleistung führt (vgl. auch Tang und Kollegen, 2007)
- Davidson und Kollegen (2003) stellten fest, dass es durch die Teilnahme an einem achtwöchigen MBSR-Kurs zu einer Zunahme von positiven Emotionen kommt, was sich auch in der Gehirnaktivität widerspiegelt
Obwohl die bisherigen Ergebnisse viel versprechend klingen, weisen sowohl Cahn und Polich (2006) als auch Chiesa und Serretti (2010) darauf hin, dass dieser Forschungsbereich noch in den Kinderschuhen steckt, und es deshalb noch einiges zu untersuchen gibt. Vermutlich wird es also auch in Zukunft buddhistische Mönche geben, die der Wissenschaft zuliebe „in die Röhre gucken“ und uns damit weitere spannende Einblicke in das meditierende Gehirn und sein Potenzial gewähren. 
Buch-Empfehlungen zum Thema:Hanson, Rick & Mendius, Richard (2010). Das Gehirn eines Buddha: Die angewandte Neurowissenschaft von Glück, Liebe und Weisheit. Arbor-Verlag.
Ott, Ulrich (2010). Meditation für Skeptiker: Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst. O.W. Barth Verlag.
Singer, Wolf & Ricard, Matthieu (2008). Hirnforschung und Meditation: Ein Dialog. Suhrkamp Verlag.
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