3 Fragen an die Schweizer Pädagogin und MBSR-Dozentin Claudia Suter

MBSR boomt auch in der Schweiz

Sie leben und arbeiten in der Schweiz und wirken auch an den Weiterbildungen zum MBSR-Lehrer am Lassalle-Haus in Zug mit. Wie hat sich die Nachfrage nach Kursen und Weiterbildungen in Achtsamkeit in der Schweiz in den letzten Jahren entwickelt?

Ich habe meine Ausbildung zur MBSR-Lehrerin 2007 im ersten Lehrgang, den das Institut in der Schweiz durchgeführt hat, abgeschlossen. Daran anschließend haben wir im Jahr 2009 den MBSR-Verband Schweiz gegründet. Ich kann mich gut an die ersten Mitgliederversammlungen erinnern. Sie haben jeweils in einer Psychologie-Praxis stattgefunden. Wir waren etwa 15 Personen und fanden alle an einem großen Tisch Platz. Alle kannten alle, es war sehr persönlich. Mittlerweile ist der Verband auf mehr als 150 Mitglieder angewachsen, mit Mitgliedern auch in der französisch- und der italienischsprachigen Schweiz. Die Versammlungen finden mittlerweile in großen Sälen statt und ich kenne nur noch eine Minderheit von den Anwesenden.
MBSR boomt auch in der Schweiz. Die Nachfrage nach Kursen und Weiterbildungen ist enorm gestiegen. Ein Zeichen dafür, dass MBSR in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, sind die „Migros Klubschulen“, die führende private Bildungsinstitution der Schweiz. Seit diesem Jahr bieten die Klubschulen MBSR an und sind von der Resonanz sehr angetan.
Diese in vielen Teilen erfreuliche Entwicklung birgt die Gefahr, dass die Essenz der Achtsamkeit verloren geht. Mein ganz großes Anliegen ist es, dass MBSR trotz dieser Nachfrage sich selbst treu bleiben kann. Die Basis dafür ist meines Erachtens die spirituelle Praxis der Lehrenden. Sie muss der Boden bleiben, auf dem wir Lehrenden andere Menschen auf ihrem Weg zu mehr Achtsamkeit begleiten. Die Ausbildungsinstitute tragen dabei eine große Verantwortung. Hier einen Teil beitragen zu dürfen, ist mir eine zentrale Motivation.

Sie sind auch Supervisorin und Ihr Bereich in der MBSR-Weiterbildung liegt daher u.a. in der Förderung von psycho-sozialen Kompetenzen. Wie kann die Achtsamkeit darin unterstützen?

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich zunächst klären, was ich unter psycho-sozialen Kompetenzen verstehe. Die WHO hat zehn Kompetenzen, sogenannte life skills definiert. Darunter finden sich Selbstkompetenzen (u.a. Selbstwahrnehmung, Umgang mit Stress und Gefühlen) und Sozialkompetenzen (u.a. Empathie, Kommunikationsfähigkeit, Fähigkeit Entscheide zu fällen). Darauf beziehe ich mich.
Ein Grund, weshalb Menschen in Kurse kommen, ist das Gefühl, sich selbst verloren zu haben, eigene Bedürfnisse nicht mehr wahrzunehmen und, damit verbunden, der Wunsch danach, mehr auf sich zu achten und besser für sich zu sorgen.
Wenn wir Achtsamkeit üben, nehmen wir wahr, was hier und jetzt ist (Körper, Gefühle, Geist, Geistesobjekte). Eine bessere Schulung der Selbstwahrnehmung kenne ich nicht. Wenn wir im MBSR-Kurs, in der Supervision, in der Weiterbildung so weit kommen, dass Menschen sich selbst mit ihren Mustern klarer wahrnehmen, haben wir sehr viel erreicht. Darauf können sich weitere psycho-soziale Kompetenzen aufbauen. Um dies an einem Beispiel zu konkretisieren: Nur wer eigene Grenzen erkennt, kann darauf angemessen reagieren und entsprechende Entscheidungen fällen.

Als Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule arbeiten Sie an der Schnittstelle von Achtsamkeit und Pädagogik. Wird Achtsamkeit in der Schweiz bereits konkret an Schulen und Bildungseinrichtungen gelehrt? Wie setzen Sie persönlich Achtsamkeit im pädagogischen Bereich ein?

Seit zehn Jahren arbeite ich an der Pädagogischen Hochschule im Bereich Gesundheitsbildung und Prävention. Damals war der Begriff Achtsamkeit in diesem Kontext kaum bekannt und wenn, dann eher negativ konnotiert im Sinne von fehlender Wissenschaftlichkeit und Esoterik. Von Schulleitungen hörte ich, dass bei Weiterbildungen aber kein «Gschpürsch-mi-Züüg» gefragt sei. Zeiten ändern sich!
Mittlerweile hat mindestens 70% meiner Arbeit an der PH mit Achtsamkeit zu tun, sei das in der kursorischen oder schulinternen Weiterbildung. Die Schulen sind interessiert daran, explizit etwas für die Lehrpersonengesundheit zu tun. Ebenso gefragt sind Kurse, die aufzeigen wie Achtsamkeit zugunsten der Schülerinnen und Schüler in den Unterricht einfließen kann. Besonders erfreulich finde ich Anfragen von Schulen die Team- und Unterrichtsentwicklung durch Achtsamkeit anstreben. Hier sehe ich die größten Chancen für eine nachhaltige und auf alle Beteiligten ausstrahlende Wirkung.
Seit ebenfalls etwa zehn Jahren existiert ein loses Netzwerk von Personen, die mit Bildung und Achtsamkeit zu tun haben. Auch hier hat sich der Kreis von Interessierten stetig vergrößert. Unter anderen sind Personen aus mehreren Pädagogischen Hochschulen in diesem Netzwerk verbunden. Um ein Zeichen zu setzen, haben wir aus diesem Kreis im März 2017 die erste Nationale Tagung für Achtsamkeit in Schule und Bildung organisiert. Sie wurde ein voller Erfolg und hat uns in der Relevanz des Themas für dieses Setting bestätigt.

Das Interview führte die Achtsamkeitsautorin Christa Spannbauer
Mehr zu Claudia Suter finden Sie hier:
www.stress-und-achtsamkeit.ch