Die eigene Herzqualität nähren

Heike Mayer, MBSR-Lehrerin und Dozentin in der MBSR-Lehrerausbildung, Psychotherapeutin (HP) und Buchautorin.

„Im Achtsamkeitstraining hat das Prinzip, aus dem Moment heraus zu unterrichten und dabei aus vollem Herzen und mit deinem ganzen Herzen präsent zu sein, Vorrang vor dem Curriculum“. Mit diesen Worten beschreibt der niederländische MBSR-Lehrer Rob Brandsma das Besondere am Unterrichten von Achtsamkeit.
Auch wenn die spezifischen Inhalte von MBSR und der differenzierte Lehrplan, also das WAS, das wir vermitteln wollen, so wichtig ist – wichtiger noch ist das WIE unseres Vermittelns: unsere eigene Präsenz, unsere eigene Herzensqualität als Lehrende. Diese gilt es zu nähren und zu kultivieren. Günter Hudasch, Vorsitzender des MBSR/MBCT-Verbandes, sagt dazu: „Die Entscheidung, MBSR-Lehrer zu werden, ist ein langfristiger Weg der persönlichen Weiterentwicklung.“

In meinem eigenen Selbstverständnis als Achtsamkeitslehrende empfinde ich eine formale und informelle Achtsamkeitspraxis als den Boden, auf dem ich stehe. Auch wenn diese Praxis im Verlauf der Tage, Wochen, Monate und Jahre Veränderungen unterliegt, es vielleicht „fette“ und auch „magere“ Zeiten gibt, so ist die Bereitschaft zu kontinuierlichem Praktizieren, Lernen und Üben essenziell, will ich das wirklich verkörpern, was ich meinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern weitergeben möchte.

Doch bei allem Engagement, die eigene Meditationspraxis zu pflegen und sich dafür Zeit zu reservieren, gelingt es den wenigsten von uns inmitten der täglichen beruflichen und privaten Anforderungen, im Alltag die Tiefe an Gewahrsein und Einsicht zu entwickeln, die im geschützten Rahmen eines Retreats möglich ist. Damit Teilnehmende an unseren Kursen auf die Erfahrung und die fachliche, aber auch auf die Herzens-Kompetenz der Lehrenden vertrauen können, hat der MBSR/MBCT-Verband Maßnahmen zum Qualitätsmanagement entwickelt. Danach sollen MBSR-Lehrende durchschnittlich jährlich an einem Retreat teilnehmen, davon mindestens alle zwei Jahre an einem Schweigeretreat über mindestens fünf Nächte (also fünf ganze Tage mit einem halben Tag am Anfang und Ende). Dazu gehören etwa Vipassana-Retreats oder Zen-Sesshins. In den Jahren dazwischen können auch Retreats besucht werden, die nur teilweise in Stille verlaufen und sich auf fünf Nächte aufaddieren, z.B. zwei- oder dreitägige Meditationskurse.

Günter Hudasch betont die besondere Erfahrung, die in der Stille möglich ist: „In Schweige-Retreats sind wir ganz und gar mit all unseren inneren Reaktionen allein, während wir sonst oft denken, diese Reaktionen würden durch unsere Umwelt ausgelöst. Indem wir üben, diesen Reaktionen nicht zu folgen, und beobachten, wie sie wieder vergehen, entstehen Gelassenheit und die Freiheit der Entscheidung. In einem mehrtägigen Retreat ist entsprechend mehr Zeit, das zu vertiefen, und damit die Wirkung größer. Als MBSR-Lehrende sollten wir viel Übung im Umgang mit dieser Reaktivität haben: Das ist es schließlich, was wir Embodiment (Verkörperung) nennen.“

Im gegenwärtigen Achtsamkeitsboom, in dem man den Eindruck gewinnen kann, dass ein Teil der Anbieter aus vorwiegend kommerziellen Interessen und weniger aus innerer Überzeugung her auf eine „Geschäftsidee“ aufspringt, ist das tiefe Commitment für die Praxis sicher ein wichtiger Aspekt. Auch wenn das für die Teilnehmenden vermutlich in vielen Fällen nicht bewusst wahrnehmbar ist, sind die Auswirkungen spürbar. Dr. C. Otto Scharmer, Senior Lecturer am Massachusetts Institute of Technology, beschreibt den Effekt so: „Die Qualität der Aufmerksamkeit, die wir in eine Situation einbringen, bedingt die Art, wie Wirklichkeit entsteht.” Eine regelmäßige eigene Retreat-Praxis ist zweifellos eine der wertvollsten Möglichkeiten, die Qualität unserer Aufmerksamkeit zu schulen.

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