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Den Klang der Stille spüren

Interview mit Thomas Steininger über Achtsamkeit für Kinder und Jugendliche

02.04.2017 - Der Hochschulprofessor und Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalytiker Thomas Steininger arbeitet seit mehreren Jahren mit Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern. Dabei stellte er fest, dass Methoden aus der Achtsamkeitspraxis bereits bei kleinen Kindern und ebenso bei Jugendlichen heilsam wirken können. Im Gespräch mit Christa Spannbauer gibt der MBSR-Lehrer Ausblick auf die neue Weiterbildung „Der Klang der Stille - Achtsamkeit und Mitgefühl mit Kindern“.

Wie ist dein Interesse als promovierter Religionswissenschaftler an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen entstanden?

Die Arbeit mit Kindern hat mich schon sehr lange interessiert. Bereits am Anfang meiner wissenschaftlichen Forschung hatte ich die Idee, mein Verstehen der kindlichen Psyche durch eine psychoanalytische Ausbildung zu erweitern und zu vertiefen. Damals war ich fasziniert von den psychoanalytischen Modellen über die innere Welt der Kinder.

Parallel zu meiner Ausbildung am Anna-Freud-Institut in Frankfurt habe ich an verschiedenen Universitäten und an einer Hochschule Entwicklungspsychologie, Seelsorge bei Kindern und zunehmend mehr Krankheitslehre und Behandlungstechnik unterrichtet. Mein Hauptinteresse war damals die Frage, wie ich die neuesten Forschungserkenntnisse in meiner psychotherapeutischen Praxis anwenden und untersuchen konnte. Ich arbeitete mitten im “Labor des Lebens“ und an den Anfängen der seelischen Entwicklungen.

Wie und wann hast du die Achtsamkeitspraxis kennengelernt?

Bereits während meines Theologiestudiums hatte ich die Möglichkeit, kontemplative Traditionen bei einem meiner Professoren kennenzulernen. Er zeigte mir Formen der Meditation, die mich tief berührt haben und seither mein Leben begleiteten. Vor ca. 10 Jahren begann ich damit, eine Gruppe von Ärzten und Psychotherapeuten zu besuchen, die Achtsamkeit in der Arbeit mit psychotischen, depressiven und persönlichkeitserkrankten Patienten erforschten und in Gruppen anboten.

In der Zusammenarbeit mit ihnen wurde mir schnell glasklar, dass all das Gute, das für Erwachsene angeboten wird, auch und besonders für Kinder hilfreich sein würde. Ich habe dann systematisch damit begonnen, mir alle anspruchsvollen bestehenden Achtsamkeitskonzepte unter der Fragestellung anzusehen, ob und wie sie sich für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen anwenden ließen. Diese habe ich dann in meiner Arbeit als Psychotherapeut, Lehrer, Ausbilder erprobt, verfeinert und zu konzeptualisieren begonnen. Die Ergebnisse waren mitunter überwältigend gut.

Dann bin ich auf ein Buch von Linda Lehrhaupt gestoßen, in dem die Praxis der Achtsamkeit mit Weisheit in für mich überzeugender Weise verbunden wurde. Hier vertiefte sich die Frage nach einer „Weisheit für Kinder“, die in unserem Konzept eine wichtige Rolle spielt. Ich wusste, dass ich mich als MBSR-Lehrer ausbilden lassen musste, um ein tieferes Verständnis der Achtsamkeit erhalten zu können. Während dieser Ausbildung war mir sofort klar, dass dies den Kindern nicht vorenthalten werden durfte. Alle entwicklungspsychologischen und neurobiologischen Erkenntnisse sprachen dafür. Je früher desto besser.

Und nun war klar, dass wir der Frage ernsthaft nachgehen mussten, wiewir ein bestehendes Konzept so verändern konnten, dass es für Kinder und Jugendliche im Alltag hilfreich werden konnte. Begründungsbedürftig war nun nicht mehr die Frage, warum wir mit Kindern und Jugendlichen Achtsamkeit praktizierten, sondern warum es so lange nicht getan wurde.

"Es geht darum, die Kraft und den Klang der Stille spüren zu können."

Was hast du in dieser Hinsicht mittlerweile herausgefunden? Welche Achtsamkeitsmethoden können bei jungen Menschen gut und wirksam angewendet werden? Welche mussten modifiziert werden? Und gibt es welche, die gar nicht funktionieren?

Was wir in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in erster Linie vermitteln wollen, ist eine Haltung dem Leben gegenüber. Das kann man nicht so sehr unterrichten, sondern das ist etwas, was die Lehrer verkörpern und gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen leben. Es gibt Übungen, die das unterstützen.

Wir nehmen aus dem MBSR-Programm etwa den Bodyscan, verkürzen ihn zeitlich, um die mentalen Kapazitäten, wie die Fähigkeit zu langanhaltender Aufmerksamkeit, der kindlichen Psyche gemäß zu berücksichtigen. Wir sitzen und atmen mit den Kindern und praktizieren Achtsamkeit im Spiel, dieser großen kindlichen Fähigkeit. Spontaneität ist ausdrücklich erwünscht.

Gleichzeitig geht es darum, die Kraft und den Klang der Stille spüren zu können, zu erfahren, wie sich das Ruhigsein gut anfühlen kann und im Stress des Alltags hilft. Wir bieten einfache Übungen an, die leicht und wiederholbar sind. Wiederholbar wie ein Atemzug, leicht wie eine Verbeugung oder ein achtsamer Schritt.

Was wir nicht wollen, ist das Verhalten oder das Fühlen der Kinder umzutrainieren. Wir bieten kein Trainingsprogramm im Sinne von „Mach' es anders!“ Wir zeigen Kindern vielmehr Wege auf, das, was gerade in ihrer Seele ist, etwas länger wahrzunehmen, ohne in Angst und Panik zu geraten und ohne unkluge Entscheidungen zu treffen. Alle Übungen dienen der Einübung der Verzögerung und dazu, nicht gleich zu reagieren, sondern erstmal den Atem zu spüren, die Dinge genauer zu betrachten, sich bewusst zu bewegen.

Wir sind dabei immer im Dialog mit den Kindern und fragen: “Wie geht es dir jetzt damit?“ Merken wir, dass es für das Kind zu viel wird, nehmen wir das Tempo noch mehr raus. Wir stimmen uns auf das Kind ein und mit ihm ab, bis es sagt, jetzt ist es für mich stimmig. Diese Abstimmung, dieses Matching ist besonders für Kinder wichtig und eine Herausforderung für ihre Achtsamkeitslehrer.

Was sind die Erfahrungen bezüglich des Alters der Kinder und Jugendlichen? Gibt es Zeiten, wo sie besonders offen sind für Achtsamkeitsimpulse und solche, wo es besonders schwierig ist?

Meine Erfahrung der letzten 10 Jahre ist, dass es allen Kindern hilft: 3-Jährigen, 10-Jährigen, 18-Jährigen. Achtsamkeit hilft immer! Die jüngeren Kinder können zwar die Aufmerksamkeit weniger lange halten, doch sie können ganz tief in den achtsamen Momenten sein. Tiefer oft als ältere Kinder oder als Jugendliche.

Wir sitzen oder liegen achtsam mit kleinen Kindern und atmen mit ihnen. Die Kleinen legen sich manchmal einen Stein oder ein Kuscheltier auf ihren Bauch und können dadurch ihren Atem besser fühlen. Wenn wir dies zusammen geübt haben, sage ich oft zum kleinen Jungen oder zum kleinen Mädchen: “Jetzt zeige es deiner Mama und deinem Papa, was wir hier zusammen gemacht haben!“

Und dann gehen die Kinder nach Hause und zeigen ihren Eltern, was sie gelernt haben. Und die Eltern kommen zu mir und sagen: “Die Abende sind ganz anders geworden. Wo vorher Stress und Geschrei war, wurde es plötzlich still. Mein Kind hat zu mir gesagt: Lass uns zusammen atmen.“ Es ist sehr berührend und eine wunderbare Erfahrung.

Je älter die Kinder und Jugendlichen sind, desto besser kann man die Praxis der Achtsamkeit als Format konzeptualisieren und als Kurs anbieten. Kinder im Alter von 10-18 Jahren können so an einem Kurs über 10 Wochen teilnehmen, der einmal wöchentlich über 90 Minuten lang geht.

"Wie können Kinder Menschen mit Mitgefühl und Weisheit werden?"

Arbeitet ihr in diesem Zusammenhang auch mit Schulen zusammen? Und was sind deine Erfahrungen mit Schulen und Lehrkräften: Sind sie zunehmend aufgeschlossen für Methoden der Achtsamkeit?

Ich konnte viele Jahre lang Erfahrung in einer Schule sammeln, mit der ich eng zusammengearbeitet habe. Hinzu kamen immer mehr Anfragen aus anderen Schulen, Lehrerkollegien baten um Vorträge und Fortbildungen. Grundschulen, Realschulen, Schulen mit einem besonderen Förderbedarf, Gymnasien, Hochschule und psychoanalytisches Ausbildungsinstitut, aber auch die Kinder- und Jugend-Psychiatrien. Wir dürfen sie nicht vergessen.

Alle beginnen zu verstehen, dass die Kinder und Jugendlichen der Gegenwart, deren Geist oft ruhelos hin und her wandert, die mit Zocken, Kiffen und Saufen Ruhe ins Hirn zu bringen versuchen, unsere Unterstützung brauchen. Die größte Herausforderung der Gegenwart und Zukunft lautet: Wie können Kinder gesund, mutig und im Affekt gut reguliert ihren unvertretbaren Platz im Leben finden? Wie können sie Menschen mit Mitgefühl und Weisheit werden? Und wie können wir Erwachsene ihnen auf diesem Weg hilfreich sein?

Die sehr unruhigen Kinder bekommen häufig eine Diagnose verpasst und sollen Medikamente schlucken. Die Schule als System kann ihnen in der bestehenden Form nicht helfen, zur Ruhe zu finden. Wir können den Lehrern aber zeigen, wie es besser gehen kann und dann beginnen sie, manchmal hilflos und doch mit großem Herzen, Achtsamkeitsübungen in den Unterricht zu integrieren und für sich selbst auszuprobieren.

In all den Jahren, in denen ich Klassen auch in Achtsamkeit unterrichtet habe, ermutigten die Schüler ihre anderen Lehrer, zum Beispiel den Matheunterricht mit einer einfachen Atemübung zu beginnen. Sie haben ihren Lehrern gezeigt, wie das geht und die Lehrer gerieten ins Staunen über das, was vor ihren Augen passierte: Achtsam atmende Kinder in vollkommener Stille, einen Augenblick lang. Das machte einige Lehrer neugierig und so konnte der Schatz der Achtsamkeit in der Schule entdeckt werden.

Im kommenden Schuljahr werde ich an einem Schulzentrum allen Lehrern, inklusive der Schulleitungen aus Grundschule, Realschule und Gymnasium eine Fortbildung anbieten zum Thema „Präsenz und Ruhe in der Schule“. Wir wollen erforschen, was passiert, wenn Schüler ab der 1. Klasse bis zur Mittleren Reife oder bis zum Abitur die Fähigkeit entwickeln, achtsam zu sein mit sich selbst, den Mitschülern und Lehrern – und diese mit ihnen.

Nun bist du derzeit gemeinsam mit dem IAS daran, ein Achtsamkeitsmodul zur Ausbildung von MBSR-Lehrern für Achtsamkeit mit Kindern und Jugendlichen anzubieten. Was kannst du uns darüber bereits sagen?

Linda Lehrhaupt und Karin Krudup haben mir die Möglichkeit gegeben, diese Arbeit zu konzeptualisieren und am Institut als Fortbildung für MBSR-Lehrer anzubieten. Die MBSR-Lehrer können an zwei Ausbildungswochenenden das Programm kennenlernen und ausprobieren. Wir begleiten sie dabei. 2017 beginnen wir mit den ersten Ausbildungsgruppen.

Am ersten Wochenende werden neue entwicklungspsychologische Forschungen aus der vor- und nachgeburtlichen Zeit ins Gespräch mit dem Thema Achtsamkeit gebracht. Hinzu kommen die neurobiologischen Erkenntnisse zur Gehirnentwicklung, zu biochemischen Prozessen, die uns erklären helfen, wo die Praxis der Achtsamkeit im kindlichen Gehirn wirkt, und wie wir diese mit Übungen entwicklungsfördernde Veränderungen unterstützen können.

Die Grundlage dieses Aufbaumoduls ist ein tiefes und fundiertes eigenes Verständnis von Achtsamkeit. Im zweiten Teil der Fortbildung untersuchen wir gemeinsam die Erfahrungen, die in dieser Zeit entstanden sind, klären Zugänge zu Schulen, Jugendämtern, Kliniken, die wir für unsere Arbeit dringend benötigen. Wir warten nicht, bis sie uns fragen, sondern wir gehen dorthin, wo es nötig ist – und das ziemlich gut vorbereitet.

„Egal, was ist und war und sein wird, wenn Achtsamkeit in dein Leben kommt, wird es dir helfen“

Sollten die betreffenden MBSR-Lehrerinnen und MBSR-Lehrer auch pädagogisch vorgebildet sein? Sprecht ihr mit dem Ausbildungsmodul gezielt Lehrer oder Pädagogen an?

Die gemeinsame Grundlage und Voraussetzung ist die MBSR-Lehrer-Ausbildung. Diese genügt. Es handelt sich ja nicht um eine Form der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen, sondern um die Praxis früher Achtsamkeit. Diese Praxis hat therapeutische Wirkung, so wie jedes gute Gespräch, eine Berührung oder eine wichtige Erkenntnis. Die Abgrenzung zur Psychotherapie oder zu einem „pädagogischen Programm“ bleibt bestehen. Sie schützt sowohl die Kinder als auch die MBSR-Lehrer.

Was wir vermitteln ist ein besonderes Verständnis der kindlichen Psyche, Krankheitsbilder und deren Erkennungsmerkmale und Ursachen sowie Antworten auf die spannende Frage, wie die Praxis der Achtsamkeit Kindern dabei helfen kann, Leiden zu mildern, Wachstum zu fördern, Verbundenheit zu fühlen. Wir sind sicher, dass dies im Rahmen des Moduls gut und verständlich vermittelt werden kann.

Die Schulen der Kinder und Jugendlichen sind ein ganz wichtiger Bereich. Dort wollen wir wirksam werden. Und zwar nachhaltig und nicht mal eben so im Vorübergehen. Dazu brauchen wir gut ausgebildete MBSR-Lehrer.

Es geht also nicht darum, Schullehrerinnen und Schullehrern eine Kurzausbildung in Achtsamkeit zu geben, mit deren Hilfe sie Kinder ruhig stellen können. Es geht primär nicht um die Vermittlung von Skills, sondern darum, dass die Achtsamkeit in den Herzen und Köpfen der Kinder erfahrbar ankommen kann.

Deshalb setzen wir auf eine fundierte Weiterbildung von MBSR-Lehrern. Vielleicht entsteht daraus ein Weiterbildungsmodul für Lehrerinnen in den Schulen, die wir im Rahmen einer speziellen Schulung mit dem Thema „Achtsamkeit für Kinder und Jugendliche in der Schule“ vertraut machen. Wir lassen das auf uns zukommen.

Jon und Myra Kabat-Zinn haben mit ihrem Buch „Mit Kindern wachsen“ hierzu ja auch ein Buch verfasst. Ist dies auch für deine Arbeit hilfreich?

Dieses Buch ist besonders für Eltern hilfreich, die sich für Achtsamkeit in der Familie interessieren. Parallel zu Achtsamkeitskursen mit Kindern oder Jugendlichen biete ich Elternseminare zum Thema „Achtsamkeit mit Kindern. Ein Elternseminar“ an. An acht Abenden lernen die Eltern Achtsamkeits­methoden kennen. Das ist eine sehr hilfreiche Begleitung und Unterstützung für die Arbeit mit ihren Kindern. Wenn beides zusammenkommt, entstehen manchmal kleine Wunder.

Was wir den Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern vermitteln wollen, ist: „Egal, was ist und war und sein wird, wenn Achtsamkeit in dein Leben kommt, wird es dir helfen“.

Wir wissen heute aus der Neurobiologie und Entwicklungspsychologie, dass Stress bei allen psychischen Problemen eine entscheidende Rolle spielt. Wenn wir mit Kindern schon früh zu arbeiten beginnen, dann ist das hilfreich für die Psyche und für die Hirnentwicklung. Wir arbeiten dadurch auch am Frieden in der Welt, der sich vielleicht in den Herzen der Kinder zu entfalten beginnt.

Darauf freue ich mich: Dieses Wissen an Achtsamkeitslehrerinnen und Achtsamkeitslehrer weiterzugeben und sie darin zu ermutigen, in der interessanten Arbeit mit Kindern und Jugendlichen befriedigendes Arbeiten zu entdecken.

Susanne Schneider, Ihre Ansprechpartnerin beim Institut für Achtsamkeit, hilft gerne weiter:

Tel: +49-172-2186681

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