Drei Fragen an die MBCL-Koordinatorin Jana Wilms

Jana Willms


Über die heilsame Wirkung von Güte, Milde und Mitgefühl

Drei Fragen an die Psychologin, MBSR-Lehrerin und Dozentin der MBCL-Weiterbildung Jana Wilms

Worin siehst du als Psychologin die zentrale Bedeutung von achtsamem Mitgefühl für die Entwicklung der menschlichen Psyche?

Wissenschaftliche Studien belegen: Achtsames (Selbst-) Mitgefühl spielt eine zentrale Rolle für unsere Gesundheit und unser körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden. Prof. Dr. Daniel Siegel, Professor für Psychiatrie an der UCLA School of Medicine in Los Angeles und Direktor des Mindsight Institutes unterstreicht die existentielle Bedeutung von Mitgefühl: „Der augenblickliche Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse erlaubt uns die begründete Aussage, dass Güte und Mitgefühl für das Gehirn sind, was der Atem für das Leben ist.“ Dass wir ohne zu atmen nicht leben können, leuchtet uns unmittelbar ein. Dass Güte und Mitgefühl kein „Luxusbedürfnis“ sondern erwiesenermaßen notwendig für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden sind, bedarf hingegen schon eher einer Erklärung. Hier ist die evolutionäre Perspektive hilfreich, die sich wie ein roter Faden durch das MBCL-Programm zieht. Denn anders als Reptilien haben wir Menschen nur eine geringe Anzahl an Nachkommen, die für ihr Überleben auf ein hohes Maß an Fürsorge angewiesen sind. Und genau im Dienste dieses Überlebens hat sich im Verlauf der Evolution unser Gehirn so entwickelt, dass es Alarm schlägt und uns in Stress versetzt, wenn Fürsorge und Freundlichkeit – wie leider so häufig - Mangelware sind und Selbstkritik und Negativität auf der Tagesordnung. Und so ist es nicht verwunderlich, dass (Selbst)Mitgefühl sich auf so vielfältige Weise positiv auf uns gestressten Menschen auswirkt.

Kannst du uns etwas zu deinem ganz persönlichen Werdegang der Achtsamkeit erzählen?

Achtsamkeit ist seit fast 20 Jahren ein zentraler Teil meines Lebens und inzwischen untrennbar verbunden mit der Praxis von Mitgefühl. Das war jedoch nicht immer so. Als ich im Jahr 2000, neugierig geworden durch Berichte von Studienkolleginnen, das erste Mal zu einem 10-tägigen Vipassana-Retreat fuhr, war mir bei dem Gedanken an das lange Schweigen ziemlich mulmig zumute. Aber die Sehnsucht nach innerer Ruhe und der Wunsch, tiefer zu verstehen, was eigentlich den ganzen Tag in mir vorgeht und mich antreibt, waren zum Glück größer. Dass neben der Achtsamkeitspraxis auch kürzere Metta-Sequenzen Teil des Kurses sein würden, war mir damals gar nicht bewusst, interessierte mich nicht besonders und war mir im Grunde eher suspekt. Ich war fasziniert von der Klarheit und Wachheit, die die Achtsamkeit in mein Leben brachte. Und so hat es mich in den darauffolgenden Jahren immer wieder ins Retreat gezogen. Doch trotz meiner Begeisterung war es jedes Mal schwierig, die Achtsamkeitspraxis im Anschluss an die Retreats aufrecht zu erhalten und in meinen Alltag mitzunehmen. Immer wieder gab es Gründe, die mich vom Üben abhielten. Die hohen Ansprüche an mich selbst und meine starke innere Kritikerin haben mich schliesslich irgendwann frustriert aufgeben lassen... bis die Sehnsucht mich dann wieder ins nächste Retreat führte.

Einige Jahre später entdeckte ich zufällig einen der ersten Artikel über Jon Kabat-Zinns MBSR-Kurse. Ich spürte sofort, dass hier alles, was mir als Mensch und als Psychologin und Physiotherapeutin wichtig ist, seinen Platz findet: die Achtsamkeit, die Arbeit mit dem Körper und die Freude daran, die Entwicklung von Menschen zu begleiten. 2008 habe ich die Ausbildung zur MBSR-Lehrerin am IAS abgeschlossen und biete seitdem mit großer Freude freiberuflich MBSR-Kurse in den verschiedensten Formaten an. Tief berührt hat mich in der Ausbildung die Freundlichkeit und Sanftheit, mit der die Achtsamkeit am Institut vermittelt wurde. Das half mir dabei, meine innere Kritikerin zu besänftigen und auch inmitten aller täglichen Hindernisse regelmäßig zu praktizieren.

Auf der Suche nach mehr Mitgefühl und Freundlichkeit begann ich 2011 Metta zu praktizieren und folgte 2013 Lindas Einladung zu einem MBCL-Retreat mit Frits Koster - ohne wirklich zu wissen, was mich dort erwartete. MBCL – achtsamkeitsbasiertes Mitgefühlstraining - war zu dem Zeitpunkt noch ein ganz junges Programm. Hier habe ich zum ersten Mal erlebt, wie der mitfühlende Umgang mit meinen inneren Widerständen, Mustern und Unzulänglichkeiten die alten Bereiche von innerer Härte mehr und mehr zum Schmelzen brachte. Ich habe mich daraufhin sofort für die nächste MBCL-Weiterbildung angemeldet. Seit 2015 biete ich nun MBCL-Kurse an und darf Zeugin der tiefgreifenden Entwicklungen sein, die hier oft möglich sind. 2015 habe ich dann sehr gerne das Angebot des IAS angenommen, gemeinsam mit Frits Koster, Erik van den Brink und Karin Krudup als Dozentin in der MBCL-Weiterbildung zu unterrichten. Seit 2018 bin ich im IAS zuständig für die Koordination des MBCL-Bereichs.

Gemeinsam mit Erik van den Brink, Frits Koster und Karin Krudup führst du Weiterbildungen in achtsamkeitsbasiertem Mitgefühlstraining am Institut für Achtsamkeit durch. Nun bist du seit Neuestem auch Koordinatorin des MBCL-Bereichs. Worin erblickst du deine Aufgaben und was ist deine Vision für das MBCL?

Als Koordinatorin des MBCL-Bereichs kümmere ich mich um die Planung der Grundlagenkurse, der Weiterbildung zum/zur MBCL-LehrerIn und – erstmalig im Oktober dieses Jahres – auch eines Refresher-Workshops, der sich sowohl an MBCL-Lehrer*innen als auch an ehemalige Teilnehmer*innen der Grundlagenkurse richtet. Er beinhaltet neue didaktische Elemente des MBCL-Programms: Achtsamkeits- und Mitgefühlsübungen, in denen Metaphern verwendet werden sowie Interpersonal Mindfulness Practice als Weg der Selbsterforschung. Am Herzen liegt mir auch die Erstellung und Weiterentwicklung unterstützender Unterlagen für die Teilnehmenden. Außerdem pflege ich die Kontakte mit Kooperationspartner*innen, betreue die MBCL-Angebote auf der Website des IAS und bin Ansprechpartnerin bei inhaltlichen Fragen und Fragen zu Teilnahmevoraussetzungen.

Mein Herzenswunsch ist es, dass das MBCL möglichst viele Menschen darin unterstützen möge, sich selbst und anderen gerade in schwierigen Zeiten mit mehr Milde, Güte und Mitgefühl zu begegnen und zu erleben, wie heilsam sich das Üben von (Selbst)Mitgefühl auf ihr Wohlbefinden, ihre Gesundheit und ihre Beziehungen auswirkt. Für mich ist das MBCL-Programm eine wundervolle Möglichkeit, die Herzen von Menschen aus den verschiedensten Kulturen und mit den unterschiedlichsten Hintergründen auf nicht-religiöse Weise zu berühren und Wege zu mehr Frieden in den unvermeidlichen ups and downs des Lebens aufzuzeigen.

Das Interview führte Christa Spannbauer.
Wer Fragen an Jana Wilm und zur MBCL-Weiterbildung hat, bitte an:
jana.willms@ias-service.center